Arme Scholaren erhielten warme Mahlzeiten
Domschüler führten ein Leben zwischen Prüfungen und Kirchendienst und mussten sich einen Teil ihres Lebensunterhaltes singend erbetteln
Auf der untersten Stufe des Klerus standen im Mittelalter die Kinder und Jugendlichen, die nach "Höherem strebten". Sie wurden "Scholaren" (Lernende) genannt. Auch in der Geschichte des Domgymnasiums sind sie erwähnt. Aufgabe der Kloster- und Domschulen war anfangs nur das Heranziehen des klerikalen Nachwuchses - von der Kindheit bis zum Eintritt in den geistlichen Stand.
In der Dissertation von Rudolf Bückmann "Das Domkapitel zu Verden im Mittelalter" (1912) führt der Autor aus: "Die Zahl der Anwärter (Anmerkung der Redaktion: Für den Kreis der Domherren) wurde noch vermehrt, durch die Zöglinge der Domschule... Hatten diese ihre Ausbildung beendet - wann dieses zu geschehen pflegt wissen wir nicht - so wurden sie nach Ablauf eines Disziplinarjahres aus der Schule entlassen. Nach Ablegung des Eides und Zahlung einer Gebühr an das Kirchenvermögen erfolgte die feierliche Aufnahme im Domkapitel".
Die Anzahl der Schüler war sehr gering, denn die Plätze im Domkapitel waren begrenzt - nicht jedes Jahr schied ein Domherr aus. Die Schüler wurden unterteilt, so Bückmann, in "scolares de scolis" und "scolaris de dormitorio" - also in Schüler im Elternhaus und Schüler innerhalb des Domkapitels. Im 12. und 13. Jahrhundert nahm die Schülerzahl zu, denn nun ging die Schulausbildung nicht mehr nur in den geistlichen Nachwuchs. Unter Leitung des Kantors bildeten die Scholaren den Domchor, hatten also bei Gottesdiensten anwesend zu sein. Zu den Messen mussten alle erscheinen, zu den einzelnen Stundengebeten immer nur ein Teil von ihnen. Für diese Tätigkeiten erhielten sie bestimmte Vergütungen. Außerdem hatten die Schüler nach Bückmann Anteil an den täglichen Geldverteilungen. Hierbei entfielen auf sie dieselben Summen, wie auf die Vikare. Extraeinnahmen fielen ab für Altardienst und Glockenläuten. Auf Versäumnis der täglichen Messe stand neben dem Verlust der Anwesenheitsgelder Entziehung der Mahlzeiten.
Die Kost erhielten sie aus den Küchen der Domherren. Jeder Schüler musste sein Lager abends zwischen 8 und 9 Uhr aufsuchen und sich ruhig verhalten. Das Ganze diente auch der Gestaltung des Unterrichts, der hauptsächlich in den beiden Fächern Latein und Chorgesang erteilt wurde. Die stetigen Zahlungen für kirchliche Tätigkeiten lassen den Schluss zu, dass es sich bei den Schülern/Scholaren der Domschule nicht im Lernende im heutigen Sinne handelte, sondern um Zöglinge in der einfachen Ausbildung zum Priester. Wie eng die Verbindung zwischen Domkapitel und Scholaren war, belegt das Privileg, dass diese Domschüler und Scholaren wie die Vikare im Binnenhof des Domes beigesetzt wurden.
Schule im Schatten des Doms: Die Verbindung zwischen Domkapitel und Scholaren war so eng, dass Domschüler und Scholaren wie die Vikare im Binnenhof des Domes beigesetzt wurden
Kurrendesänger
Scholaren gehörten nicht unbedingt der besitzenden Oberschicht, also dem Adel im Bistum an, davon zeugen die verschiedenen testamentarischen Zuwendungen seitens der Bischöfe und Domherren für die "armen Scholaren". Zum Erhalt ihres Lebensunterhaltes waren viele Scholaren bis weit in die Neuzeit auf Geld- und Sachspenden angewiesen, die sie teilweise selbst von der Bevölkerung der Stadt und der umliegenden Dörfer erbitten mussten.
Um Scholaren und Chorknaben von den beinahe gewerbsmäßigen Bettlern - eine damals fast normale Erscheinung auf den Straßen der Städte - nicht verdrängen zu lassen, ist vom Bischof Eberhard von Holle in seiner Fundationsurkunde von 1578 eine entsprechende Klausel eingesetzt worden. Der Brauch des "Kurrendesingens" (von Tür zu Tür gehen und um Almosen bitten) hatte sich in Verden bis in das 17. Jahrhundert erhalten.
Freitische
Einige wenige ausgewählte ärmere Schüler der Domschule hatten 1695 die Möglichkeit, in den Genuss eines so genannten "Freitisches" zu gelangen, das heißt sie empfingen täglich zwei Mahlzeiten. Die Mittel für sechs Freitische waren von der "Königlich-Schwedischen Regierung der Herzogtümer Bremen und Verden" für sechs bedürftige Schüler der Domschule zur Verfügung gestellt worden. Im Hause von städtischen Beamten - zuerst war es beim Baumeister Rehboom - war für die Schüler der Tisch gedeckt. "Die ausgewählten Schüler hatten die besondere Pflicht, sich anständig zu benehmen, durften zur Sicherung dessen keinen Degen tragen und mussten beim Abgang von der Schule zum Beweis ihrer Würdigkeit eine öffentliche Rede halten. Einer von ihnen war außerdem Famulus und hatte gewisse Schuldienerpflichten", schrieb der damalige Direktor Dr. Paul Menge in der Festschrift von 1928.
Schon für das Erlangen dieser "benificium" war eine Fleißprüfung erforderlich. Einen Einblick gibt das Protokoll einer Prüfung vor der schulischen Kommission unter Vorsitz des Superintendenten Wahrendorff vom 30. April 1728. Der 17-jährige Schüler wurde über mehrere Stunden geprüft. Der Schüler erhielt die erbetene Freistelle, weil er "ein ihm von Gott verliehenes gutes Talent und einen aufgeräumten Kopf" besitze. (Aus: 400 Jahre Domgymnasium, von Wilhelm Meineke) Im Herbst 1830 wurden die Freitische in Geldstipendien umgewandelt, die dann im Zuge der Inflation 1923 eingestellt wurden.
Ende des 17. Jahrhunderts erhielten die Scholaren der Domschule Freitische. 1948 half das Domgymnasium, den Hunger seiner Schüler zu lindern.
Studenten
Auf ehemalige Schüler der Verdener Domschule treffen wir in den Matrikeln mittelalterlicher Universitäten. A. Maatz veröffentlichte 1927 in "Die Heimat", Beilage zum Verdener Anzeigenblatt, Auszüge aus Universitäts-Verzeichnissen in denen auch Studenten aufgeführt sind, die Verden als ihre Vaterstadt angegeben hatten. Die frühesten Eintragungen von Verdenern in die Matrikeln stammen aus dem Jahre 1392 von der Universität Erfurt. Die Universität Rostock ist vor der Neugründung der Schule im Jahr 1578 mit 35 der frühen Eintragungen mit Abstand am begehrtesten gewesen. Danach folgten Erfurt (10) und Wittenberg (4). In späteren Jahren zog es die Verdener überwiegend, ja beinahe ausschließlich, an die Universität Helmstedt.
Übergriffe
Die jungen Scholaren zeigten sich nicht immer als die "wohlanständigen Chorknaben". Sie waren sicher überwiegend ganz normale Jugendliche gewesen, also auch nicht immer sehr artig. Allerdings sind nur zwei der sicher zahlreichen Streiche und übleren Taten in der so genannten "Spangenbergischen Chronik" überliefert. Über eine größere Streiterei wird aus dem Jahre 1524 berichtet:
"Streitigkeiten zwischen Alten-Stadt und Süderende Vehrden wegen ihrer Gränze. Anno 1525. In diesem Jahr wurd ein grosser Aufruhr und Uneinigkeit zwischen der Stadt und Süderende zu Vehrden des Bierzapffens halber in dem alten Pforthause für der Stadt Vehrden, das wollten die Herrn des Thum-Capittuls nicht nachgeben, derohalben die Kämmeners und Chor-Schüler eine Tonne Biers auß dem Pforthause nehmen und dieselbe in der Choraley vertruncken. Hier auß entstand ein groß Lärmen, die Stadt-Bürger wolten in den Süderende fallen und ein Wiederpfand holen; Die Bürger im Süderende machten eine Schantze gegen das Stadt-Thor, aber gute Leute handelten darzwischen das es beygelegt ward."