Für so manchen Lausbub hieß es: Ab in den Karzer!
Von den Humanclassen bis zum Cabinet: So beschrieb Bauinspektor Bertram 1873 das neue Schulgebäude
Am 22. Mai 1871 erfolgte die Grundsteinlegung, Ende des Jahres war bereits das Dach auf dem Gebäude, und am 12. November 1872 erfolgte die Übergabe.
Mit so wenigen Worten könnte an den Bau des neuen Schulgebäudes für das Königliche Domgymnasium an der Grünen Straße, "vor dem Neuenthore" erinnert werden. Etwas mehr sollte es aber doch sein. Interessante Details dazu sind in der "Beschreibung des neuen Schulgebäudes" zu finden, zusammengestellt im Februar 1873 vom Bauinspector Bertram von der königlichen Baubehörde. Hieraus einige Auszüge:
"Die gute alte Penne" hat 1949 der ehemalige Schüler Erich Wessels den Neubau des Domgymnasiums genannt. Zu lesen ist seine Abhandlung in der 1997 erschienenen Jubiläumsschrift "125 Jahre Schulgebäude", in dem auch diese seine Zeichnung zu sehen ist.
"Bereits seit Jahren waren die Schulräume des Domgymnasiums sowohl hinsichtlich ihrer Dimensionen wie der inneren Einrichtung als unzureichend und den Anforderungen der Neuzeit nicht mehr entsprechend erkannt worden. Eine Erweiterung und Verbesserung dieser Räume gestatteten weder die schlechte Beschaffenheit des alten Gebäudes, noch der zu einer Vergrößerung verfügbare Raum, und somit entschloss man sich betreffenden Ortes um so mehr zu einem Neubau an einer anderen geeigneten Stelle der Stadt, weil dann durch Fortnahme des alten Bauwerks mit der sehr wünschenswerthen Freilegung des Domes auch auf dieser Seite der Anfang gemacht werden könnte.
Die Mittel zum Neubau sind bestimmungsgemäß aus dem Domvermögen zu bestreiten und wurde nach stattgehabten Verhandlungen der mit der Verwaltung des Domvermögens beauftragten Behörde das nachfolgende von dem Königlichen Provinzial-Schulkollegium zu Hannover revidirte und verbesserte Programm des Verdener Lehrer-Kollegiums für den Neubau gestellt; wonach gefordert wurden: 6 Humanclassen für 40 bis 42 Schüler, 3 Realklassen, ein Zimmer für den Lehrer der Physik, ein kleines Labortorium mit Ausgang nach dem Corridor, ein chemisches Labortorium im Keller, ein Sammlungszimmer für naturhistorische Gegenstände, drei Reserve-Lehrzimmer, ein Conferenzzimmer, Raum für Bibliothek, ein kleines heizbares Zimmer für den Bibliothekar daneben, ein Zeichenzimmer, eine Aula mit 350 Sitzplätzen mit Katheder und Podium, eine Wohnung für den Schuldiener, Platz für Feuerungsmaterial, ein Karzer, ein Dachreiter mit Uhrwerk und Glocke, ein Turnplatz mit Turnschoppen, Aborte. Die das Domvermögen verwaltende Behörde trat, nachdem von den in Vorschlag gebrachten Bauplätzen das vormals Frölkesche Wesen vor dem Neuenthore an der Grünenstraße als am meisten geeignet/käuflich erworben war, mit dem Consistorial-Baumeister Baurath Hase in Verbindung und übertrug diesem die Ausarbeitung eines speciellen Projects und Kosten-Anschlags nach vorstehendem Programme. Dieses Auftrages erledigte sich der Baumeister im December 1869 durch Vorlage eines Entwurfs, wonach einige nur das Aeußere betreffende Abänderungen ausgenommen, der nunmehr fertig gestellte Bau ausgeführt ist.
Zur Erläuterung des auf den beigefügten Zeichnungen dargestellten Baues mag Folgendes bemerkt werden: Das Gebäude ist in den äußeren Fronten in Backstein-Rohbau ausgeführt, und erhält ein Kellergeschoß unter dem westlichen Flügel, ein Erdgeschoß, ein zweites Geschoß und den Dachraum (...)
Für die Facaden konnte nicht wohl ein anderes Material als Backstein gewählt werden. Schon bei Einführung des Backsteinbaues in Norddeutschland gegen Ende des 13. Jahrhunderts verließ man auch in hiesiger Gegend, wie die älteren Bauwerke, der Dom, die Andreas- und Johanniskirche, zeigen, den kostspieligen Quaderbau und so wählte der Baumeister auch bei diesem Gebäude die dem Material entsprechende Stilrichtung des Backsteinrohbaues des 14. Jahrhunderts, wozu sich das in hiesiger Gegend befindliche Material an den exponierten Theilen mit Glasur versehen, ganz besonders eignet. (...)
In der Verlängerung des Mittelbaues, von dem Vestbül durch den Corridor getrennt, befindet sich die mit drei Eingangsthüren versehene geräumige, durch beide Geschosse reichende Aula. Die Human- und Realclassen sind durch den Mittelbau geschieden und hat jede Abtheilung besondere massive Treppen. (...)
Das Kellergeschoß unter dem westlichen Flügel enthält die Wohnräume für den Pedellen, die durch Abtragung des südlich belegenen Terrains in eine Parterrewohnung umgeschaffen sind. (...)
Das Erdgeschoß enthält außer den Corridoren und Treppenhäusern im östlichen Flügel vier Human-Classen, im westlichen zwei Real-Classen, ein Zimmer für den Lehrer der Physik, den Zeichensaal. (...)
Das zweite Geschoß enthält im östlichen Flügel außer Corridor und Treppenhäusern zwei Human-Classen und zwei Bibliotheksräume mit dazwischen liegenden kleinem Zimmer für den Bibliothekar, im Mittelbau ein Conferenz-Zimmer mit kleinem Vorzimmer für den Kohlenaufzug und im westlichen Flügel ein Real-Classenzimmer, das naturhistorische Cabinet und zwei Reserve-Classenzimmern. (...)
In den beiden Giebeln des Mittelbaues im Dachgeschoß befinden sich nördlich ein Reserve-Classenzimmer, südlich das Karzer.
Die Heizung sämmtlicher Zimmer geschieht durch von innen zu heizende Durchsichtskachelöfen, wodurch gleichzeitig bei der reichlich bemessenen Größe eine ausreichende Ventilation erfolgen dürfte. (...)
Von einer Centralheizung und der damit zu verbindenden Ventilation mußte mit Rücksicht auf die nicht reichlich zur Verfügung stehenden Mittel abgesehen werden. Eine Erleuchtung mit Gas haben nur die Treppenhäuser und Corridor erhalten, während eine solche für die Aula und einige Lehrzimmer nicht bewilligt ist. Hierzu ist anzumerken, dass, besonders in den Wintermonaten in den ersten Stunden, weil die Beleuchtung in den Klassenräumen fehlte, die Zeit genutzt wurde, um Vokabeln abzufragen und Gediche aufzusagen.
Das in die Schulzimmer einfallende Licht erfolgt durch angemessene große Fenster und zwar in der Weise, daß die Schüler dasselbe immer über die linke Hand erhalten, und muß die Beleuchtung in allen Lehrlocalen als eine gleichmäßige und gute bezeichnet werden (...) und sind je nach der Größe der Schüler vier verschiedene Abstufungen von drei resp. sechssitzigen Bänken angefertigt. Anstatt der Katheder sind einfache auf 6 Zoll hohen Podien stehende mit etwas geneigter Platte und Auszug versehene Tische gewählt. (...)
Das auf einer sanften Erhöhung des geräumigen Platzes von der Straße in angemessener Entfernung gelegene Gebäude gewährt einen stattlichen Anblick und reiht sich in würdiger Weise den bestehenden älteren Bauwerken der Stadt an. (...) Die einzelnen Arbeiten sind ausnahmslos von hiesigen Meistern ausgeführt und die erforderlichen Materialien mit geringen Ausnahmen aus der Gegend bezogen."
Die Einweihung des neuen Schulgebäudes am 12. November 1872, lief nach folgendem Programm ab: "1. Morgens 10 Uhr Versammlung der Lehrer und Schüler im alten Locale. Gesang. Abschiedsworte des Herrn Rector Sonne.
2. Festzug nach dem neuen Schulgebäude.
Gesang. Einführung in die Aula durch Structuarius, Herrn Geheimen Ober-Regierungsrath Roscher.
3. In der Aula: Gesang und Gebet. Festworte des Protoscholarchen, Herrn Superintendenten Mestwerdt und des Direktors. In den Pausen und am Schluß Gesang.
4. Nachmittags 2 Uhr: Festmahl bei Hanne
5. Abends Schülerball, von 5 1/2 Uhr bis 8 für die unteren, von 8 1/2 Uhr an für die oberen Classen, bei Bruer."
Königliche Gefäße
Seit 1822 ist das Domgymnasium im Besitz zweier gewichtiger, kostbarer Vasen aus Porphyr, einem Eruptionsgestein. Die Schule erhielt diese Gabe anlässlich der Feier zum 60. Geburtstag des hannoverschen Königs Georg IV. Der ehemalige Schüler und Legitationsrat Dr. Stöver aus Hamburg, ein gebürtiger Verdener, hatte sie testamentarisch der Anstalt vermacht. Dieser hatte die Vasen wegen besonderer Verdienste vom schwedischen König Karl Johann XIV. erhalten.
Die beiden Vasen standen lange Zeit rechts und links vom großen Wandgemälde in der Aula. Mittlerweile hat Direktor Dr. Borgerding die teilweise beschädigten Vasen in seinem Büro "sichergestellt". Das Gemälde stammt übrigens aus dem Jahr 1927. Dabei stand der Abiturjahrgang 1926/27 dem Bremer Maler Fricke Modell. Er orientierte sich dabei an der "Stoa" von Raphael, die sich im Vatikan befindet. Detail am Rande: Die "Lichtgestalt" in der Mitte war der Klassenprimus.