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Im Dunkeln waren die roten Wangen nicht zu sehen

Der Schulneubau war geräumig, aber finster - und so wurde im Winter frühmorgens das auswendig Gelernte abgefragt

Am Dienstag, 12. November 1872, machten sich morgens um 10 Uhr 215 Schüler, begleitet von 13 Lehrkräften, am Lugenstein auf den Weg, um das neue Schulgebäude der Domschule zu beziehen. Über 100 Jahre hatte diese Schule, eines der wenigen Verdener Häuser die unter Bau- und Denkmalschutz stehen, ihr Aussehen kaum verändert.

Ein Ehrenbürger der Stadt Verden, Direktor Dr. Plaß, hatte in langem und zähem Ringen die Verantwortlichen überzeugt, dass ein Neubau der aus den Nähten platzenden Unterkunft am Lugenstein entsprechende Räumlichkeiten bieten konnte. Dr. Plaß starb kurz vor der Einweihung am 12. November 1872. Seinem Nachfolger Prof. Bernhardt blieb die Ehre, das neue Schulgebäude zu beziehen. Der königliche hannoversche Baudirektor Haase hatte vor dem "Neuen Tore" - gewissermaßen auf der Grünen Wiese - ein Gebäude errichtet, das seiner Zeit weit voraus war; denn bis 1956 wurden wesentliche Veränderungen an diesem ehrwürdigen Haus nicht vorgenommen. Die Klassenzimmer blieben, das Gestühl wechselte, die Öfen wichen zunächst einer Dampfheizung und dann einer ölbefeuerten Zentralheizung, deren hervorstechendste Merkmale nahezu unentwirrbare Rohrsysteme, fehlende Reguliermöglichkeiten und vor allen Dingen eine willkürliche Heizleistung waren. Heute wird mit Gas befeuert. Nach langjähriger Einarbeitungszeit wurde jeder Hausmeister zu einem unentbehrlichen Spezialisten mit unbestrittener Autorität. Das galt für markante Persönlichkeiten wie den ersten Ziegenbockhalter auf dem Schulgrundstück, Pedell Härtling, ebenso wie für seine späteren Nachfolger.

Diese älteste Aufnahme stammt aus dem Jahre 1873.

Diese älteste Aufnahme stammt aus dem Jahre 1873.

Nicht nur die Heizung verlangte nach einem Fachmann: Mit der Stromversorgung war es ähnlich. In den Anfangsjahren wurde morgens in der ersten Stunde auswendig Gelerntes abgefragt: Gedichte, Vokabeln und Formeln. In der Frühe war während der Winterzeit nicht ausreichend natürliches Licht für andere Unterrichtsformen vorhanden. Erst die Einführung des Gaslichtes in den Unterrichtsräumen brachte Fortschritt: Das 20. Jahrhundert hielt seinen Einzug. Damit verlor das Gebäude allerdings etwas von seinem Reiz: Die vielen Winkel und Ecken waren hell erleuchtet und eigneten sich weniger zum Versteckspiel. Die Umrüstung von Gas auf Strom brachte vollends Verwirrung - auch für die Lehrer, mussten sie fast zwei Jahre systematisch jeden Schalter betätigen, um herauszufinden, für welche Lampe er nun zuständig war. Bis heute ist es niemandem gelungen, eine innere Gesetzmäßigkeit zu entdecken.

In der Tat, ein eigenartiger Reiz geht von diesem Gebäude aus! Man hat fast alle Anbauten versteckt. Die erste Turnhalle, 1874 in solider Holzkonstruktion errichtet, wurde seitwärts gestellt Im Jahre 1900 wurde diese um einen Wasch- und Geräteraum erweitert.

Es hat alles seine Geschichte im alten Schulgebäude, auch die Toiletten. Bis zu dem Anbau des alten Zeichensaals zur Aller hin residierte im Eckzimmer an jener Seite der Direktor.

Er hatte Kontrolle über Lehrer wie Schüler, die zur Toilette - etwa während der Stunde - wollten, denn diese waren abgelegen vom Schulgebäude in einem Häuschen untergebracht, das später Boote aufnahm, Kaninchenherberge und Ziegenstall war.

Um 1900 sind die Bäume bereits üppig empor gewachsen.

Um 1900 sind die Bäume bereits üppig empor gewachsen.

Den Unterlagen ist zu entnehmen, dass es einen Schulleiter gab, der die Kontrolle zur Perfektion entwickelt hatte. Zu seiner Zeit musste jeder einen Schlüssel abholen und bekam so sein "Abteil" zugewiesen. Das hatte seinen besonderen Grund, denn 1921 wurde das erste Mädchen aufgenommen - und blieb für einige Jahre auch das einzige. Ein Mitschüler widmete ihr die liebevolle Erzählung "Marcella". Man kann sich vorstellen, welche Verwirrung solches Erscheinen stiftete. In den späten 20er Jahren wurden die Toiletten in den Keller verlegt. Sie waren nur von außen erreichbar. Der Weg dorthin war verkürzt worden, nur noch 50 Meter galt es im Geschwindschritt zurückzulegen. Erst als während der Sturmkatastrophe 1972 eines der Türmchen am Hauptportal dem späteren Stellvertreter Grünefeld fast auf den Kopf fiel, wurde allen Verantwortlichen klar, dass zu jener Zeit es nicht nur mühsam sein konnte, das Örtchen bei Sturm und Regen aufzusuchen, sondern es mit Gefahren verbunden war.

Jedes Jahrzehnt setzt seine Zeichen. So auch im Domgymnasium zu Verden: 1907 war es der erste Zeichensaal. Gut 30 Jahre später wurde der Bibliotheks- und Musiksaal errichtet. 1956 waren es an der rückwärtigen Front der Aula die Fachräume für Biologie, Chemie und die Bibliotheksräume sowie unter dem Dach der Zeichensaal. Die Zuwegung dorthin passte sich dem Gebäude an, schlicht, aber ästhetisch.

1979/80 wurde ein Erweiterungsbau angefügt, der von der Nutzfläche her größer als der Altbau war. Der ständig wachsenden Zahl der Schülerinnen und Schüler wurde durch Ausbaumaßnahmen im Dachgeschoss des Altbaues und Untergeschoss des Erweiterungsbaues immer wieder Rechnung getragen. Äußerlich in seiner Hauptfassade wenig verändert zeigt sich das fast 130 Jahre alte Hauptgebäude immer noch als besonderes Schmuckstück im Stadtbild.

Der Besucher, der die "Grüne Straße" entlang schlendert ist sicher fasziniert von der Strenge und Ehrwürdigkeit des Altbaus. Er strahlt einen besonderer Charme aus. Vor fast 130 Jahren seiner Bestimmung übergeben, ist er auch heute Mittelpunkt quirliger Lebendigkeit des Domgymnasiums.

Viele Schüler haben im Laufe der Jahre ihre Reifeprüfung im Domgymnasium abgelegt. So auch dieser Abiturientenjahrgang um 1900, der sich mit seinen Lehrern im Garten postiert hat.

Viele Schüler haben im Laufe der Jahre ihre Reifeprüfung im Domgymnasium abgelegt. So auch dieser Abiturientenjahrgang um 1900, der sich mit seinen Lehrern im Garten postiert hat.

Auch das Denken wurde reformiert

Zum Gedenken an Bischof von Holle

Die Sandsteinplastik von Bischof Eberhard von Holle wurde 1965 an der Ostseite des Neubaus aufgestellt.

Die Sandsteinplastik von Bischof Eberhard von Holle wurde 1965 an der Ostseite des Neubaus aufgestellt.

Bei der Neugestaltung der Eingangshalle des Domgymnasiums wurde dem Gründer dieser Schule ein steinernes Denkmal gesetzt. Der damalige Schuldirektor, Oberstudienrat Holger Reimers, enthüllte am 21. April 1965 eine Sandsteinplastik des Verdener Bischofs Eberhard von Holle (1566-1586). Sie ist an der Ostseite des Haupteingangs aufgestellt und eine Arbeit des Worpsweder Künstler Ehepaars Ahner-Siese. Die Künstler haben auch das Bischofsdenkmal auf dem Domplatz und die Vogeltränke im Rosengarten (hinter der Pestalozzi-Schule) geschaffen.

Eberhard von Holle wurde 1531 in Uchte geboren. Im Zuge der Einführung der Reformation im Stift Verden (1568) hat er die bestehende Lateinschule am Dom 1578 fundiert, erneuert und erweitert. Sein Leben beschreibt das Buch "Eberhard von Holle, Bischof und Reformator". Es ist 1967 als Beiheft des Jahrbuches der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte erschienen. Autor ist der 1979 verstorbenen Lic. Dr. Walter Schäfer, Superintendent in Verden von 1960-1971.

Jürgen Siemers