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Schulgebäude am Dom: Büffeln hinter dicken Mauern

Nach der Reformation entstanden im ehemaligen Schlafsaal der Kleriker neue Klassenräume, doch auch die wurden bald zu klein...

Für den Zeitraum von der wahrscheinlichen Einrichtung einer Kloster- oder Domschule in Verden vor über 1000 Jahren bis zur Zuweisung des ehemaligen Dormitoriums als Schulraum in der Fundierungsurkunde von 1578 lässt sich ein Gebäude oder ein Raum für schulische Zwecke nicht ausreichend nachweisen. Wenn es 1262 in der Urkunde Nr. 476 des Urkundenbuches der Bischöfe und des Domkapitels von Verden heißt: "...arme Scholaren, die im Verdener Domchor studieren...", so bedeutet das wohl ohne Einschränkungen, dass die Erziehung beziehungsweise Ausbildung des klerikalen Nachwuchses im Kirchengebäude selbst durchgeführt wurde. Zumindest kann es so in den frühen beiden Holzkirchen und den folgenden zwei Steinkirchen gewesen sein.

Die Abbildung des Schulhauses am Lugenstein stammt von einem Schüler. Er fertigte den Linoleum-Schnitt gegen Ende des 1. Weltkrieges an.

Die Abbildung des Schulhauses am Lugenstein stammt von einem Schüler. Er fertigte den Linoleum-Schnitt gegen Ende des 1. Weltkrieges an.

Auch für die Epoche nach dem Dombrand von 1268 und dem ab 1290 begonnenen Wiederaufbau liegen kaum Hinweise über eigene Räumlichkeiten einer Schule vor, die zu der Zeit sicher vorhanden war. Im Nekrolog - dem Totenbuch - des Verdener Domes wurden, hier vereinfacht dargestellt, die Sterbetage besonderer "Kirchenmänner" aufgezeichnet - ohne zugehörige Jahresangaben. Es finden sich jedoch Hinweise auf den jeweiligen Wohnsitz des Verstorbenen. Und so heißt es oft in dem bis 1525 geführten Nekrolog zum Beispiel "licuria retro scolam" oder "curia prope scolam", also Haus hinter oder nahe der Schule. Das bedeutet, dass ein Schulgebäude vorhanden war, als besonderer Teil der kirchlichen Anlage im Bereich des Domes. Es könnte identisch sein mit dem heute noch vorhandenen Haus östlich des Kreuzganges, das zum Gemeindezentrum umgebaut wird.

Bischof von Holle stellte nach der Reformation mehrere Räume für die Erweiterung der Schule zur Verfügung. Sein Wappen ist am Giebel des Gebäudes zu sehen.

Bischof von Holle stellte nach der Reformation mehrere Räume für die Erweiterung der Schule zur Verfügung. Sein Wappen ist am Giebel des Gebäudes zu sehen.

Zu der Zeit hatte die Schule sicher einen anderen Rang, als in ihren frühen Anfängen. Bei diesen Umbauarbeiten sind auch Relikte von früheren Bauten freigelegt worden, deren Herkunft noch nicht klar bestimmt ist. Sie stammen etwa aus der Zeit des Bischofs Wigger (Bischof von 1014 bis 1031). Zu jener Zeit benötigte eine "Schule" die entsprechend der damaligen Verhältnisse vielleicht nur 10 bis 15 Schüler für den klerikalen Nachwuchs heranzog, nur geringen Raum, der, wie es an anderen Stellen oft geschildert ist, keinen Anspruch auf eine bequeme Schulstube im heutigen Sinne besaß.

Erst aus der Gründungsurkunde von 1578 sind Räumlichkeiten bekannt, die als Schule vom Bischof Eberhard von Holle zur Verfügung gestellt wurden. Das ursprüngliche Dormitorium, der Schlafsaal der Kleriker, wurde mit der Einführung der Reformation als solches nicht mehr benötigt. Entsprechend der neuen Gestaltung wurde dieser Raum über dem östlichen Kreuzgang umgebaut. Vielleicht nur durch Bretterwände unterteilt, entstanden einige Räume, in denen anfangs vier Klassen von "Quarta bis Prima, die vom Rektor und seinen Schulgesellen, dem Konrektor, Kantor und Infimus unterrichtet wurden". Das Haus erhielt zum Lugenstein hin eine im Stil der Weserrenaissance errichtete Giebelwand, an der der Bischof sein Wappen setzen ließ mit der darunter befindlichen Inschrift: "V.G.G. (Anmerkung: V.G.G. = Von Gottes Gnaden) Eberhard von Holle, Bischof zu Lübeck, Administrator des Stifts Verden, Abt und Herr von Haus Sanct Michael".

Wie viele Generationen von Schülern sich wohl in diesem Innenhof die Beine vertreten haben? Bis Mitte des 18. Jahrhunderts war hier der Kreuzgang des Domes.

Wie viele Generationen von Schülern sich wohl in diesem Innenhof die Beine vertreten haben? Bis Mitte des 18. Jahrhunderts war hier der Kreuzgang des Domes.

Eine fünfte Klasse wurde 1651 eingerichtet. Mit zunehmenden Schülerzahlen wurde es in den Räumen eng. Um Möglichkeiten für Erweiterungen zu schaffen, wurde 1765 der nördliche Kreuzgangflügel entlang des Lugensteins abgerissen und ein Fachwerkhaus für Lehrerwohnungen gebaut. Für neue Klassenräume musste 1779 dann auch der westliche Flügel des Kreuzganges weichen, der vom Lugenstein aus entlang der Domstraße verlief. Bald wurden auch diese Räumlichkeiten zu klein, ein Schulneubau war längst überfällig. Schulfeiern wurden ab 1865 im Saale des Hotels in der Großen Straße/Ecke Brückstraße abgehalten.

Die politische Entwicklung verzögerten einen Bau. Aber dann: Im neugotischen Stil, gebaut vom Baumeister Wilhelm Haase, entstand das neue Schulgebäude an der Grünen Straße. Im November 1872 erfolgte der Umzug aus dem Dombereich in Verden, in dem die Domschule seit etwa 900 Jahren die Bildung im Bistum verbreitete.

Jürgen Siemers