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Seit über 1000 Jahren rauchen in Verden die Köpfe

Skandinavischer König war einer der ersten Schüler

Vor über 1000 Jahren existierte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in Verden eine "Kloster- oder Domschule". Das genaue Gründungsjahr liegt allerdings im Dunkel der Geschichte. Die einzige bekannte Zeitangabe, auf die die Verdener Geschichte zurückgreifen kann, befindet sich in der Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg, der in den Jahren 1012 bis 1018 die Geschichte des Sachsenlandes, das er bereist hatte, niedergeschrieben hat.

Die Säule auf dem Schulhof kündet von den wichtigen Daten der Schule.

Die Säule auf dem Schulhof kündet von den wichtigen Daten der Schule.

Die für diese Betrachtung hier wichtige Textstelle der Chronik in der Übersetzung von Trillmich: "In dieser Gegend (Anmerkung der Redaktion: Nordland) lebte als ein König Göttrick (Anmerkung des Übersetzers: norwegischer oder schwedischer Kleinkönig in Deutschland vor 994), der im Kloster in Verden unter dem dortigen Bischof Erpo als Geistlicher erzogen worden ist und trotz seiner Unwürdigkeit den Grad des Diakons erlangt hat." Allgemein wird davon ausgegangen, dass diese Ausbildung im Rahmen einer "Klosterschule" vor 994 in Verden erfolgte. Diese These vertritt auch Prof. Dr. Ernst Schubert, Vorsitzender der Historischen Kommission: "Selbst im abgelegenen Verden bestand seit dem ausgehenden 10. Jahrhundert eine Domschule, deren Existenz nur zufällig dadurch bekannt ist, dass hier ein norwegischer Kleinkönig, Göttrick, erzogen wurde..." Ging man bis zum letzten Jahr noch davon aus, dass Bischoff Erpo im Jahre 1002 starb, so begründete sich auf dieser Annahme das 1000jährige Bestehen des Domgymnasiums. Doch neuste Erkenntnisse, die für das im vergangenen Jahr erschienende "Verdener Urkundenbuch" zusammengetragen wurden, belegen das Jahr 994 als Sterbedatum Erpos. Folglich muss das Verdener Domgymnasium zu Lebzeiten Erpos, aber vor 994 gegründet worden sein.

Eine frühere Schule, sei es Kloster- oder Domschule, verzeichnen die bisher gefundenen Quellen nicht. Daher sind Angaben über Umfang und Inhalte früherer Einrichtungen in Verden hypothetisch.

Zwar bestand seit der Aachener Synode vom Jahre 789 die Forderung, dass jeder Bischof eine Elementarschule einrichten sollte. Doch hier wird es schon schwierig für Verden, denn der Zeitpunkt der Gründung dieses Bistums ist nicht bekannt, und wir wissen auch nichts Genaues über den Bischofssitz in den ersten etwa 50 Jahren. Erst um 850 ist der Bischofssitz fest in Verden.

Der älteste Teil der Domschule: Eine romanische Säulenstruktur aus dem 12. Jahrhundert.

Der älteste Teil der Domschule: Eine romanische Säulenstruktur aus dem 12. Jahrhundert.

Ob bei diesen räumlichen Verhältnissen auch eine Schule bestand, ist fraglich. Vielleicht war es erst Bischof Erpo, der an seiner Kirche Nachwuchs für den geistlichen Beruf ausbilden ließ. Bereits als Propst am Bremer Dom hatte er Anteil an den nach Nordeuropa gerichteten Missionsversuchen, die er mit der Ausbildung des nordischen Prinzen hier in Verden weiterführte.

Aber gab es noch weitere Schüler? Bestand eine schulähnliche Ausbildung? Oder wurde auch in Verden erst eine Elementarschule errichtet, als Papst Gregor VII. (im Amt von 1073 bis 1085) jeder Domkirche eine Schule vorschrieb? Selbst das gewichtige Magdeburg erhielt erst mit der Klostergründung im Jahre 970 eine Klosterschule, die um 973 in die Domschule umgewandelt wurde.

Die Klosterschulen und die etwa um 900 eingeführten Domschulen verfolgten nur den einen Zweck: Den klerikalen Nachwuchs auszubilden. Es waren keine Schulen, so wie sie nach herkömmlichen Art geläufig sind. Die Schülerzahlen waren allgemein sehr gering. So spricht der bekannte Klosterplan von St. Gallen von nur zwölf Schülern. Im Kloster Cluny durften nicht mehr als sechs Kinder dem Konvent angehören, ebenso in Chartres und Reims.

Ein Blick vom Eingang des Domgymnasiums aus dem Jahre 1872 auf den Dom und auf die Andreaskirche.

Ein Blick vom Eingang des Domgymnasiums aus dem Jahre 1872 auf den Dom und auf die Andreaskirche.

Gelehrt wurden Latein, Schreiben und Singen - also nur die elementaren Kenntnisse für einen Kleriker. Im 10. Jahrhundert war mit dem "trivium" (Grammatik, Rhetorik und Dialektik) die "Bildung" abgeschlossen, das "quadrivium" (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) wurde nur an einzelnen Schulen gelehrt.

Tatsache ist, dass die Quellenlage des 10. Jahrhunderts allgemein sehr ungünstig ist. Hierzu kommt außerdem, dass nur aufgeschrieben wurde, was Geistliche wissenswert fanden. Aufzeichnungen über eine "Lehranstalt" in Verden sind aber keine überliefert. In dem "Urkundenbuch der Bischöfe und des Domkapitels von Verden" hat Dr. Ahrend Mindermann alle noch erreichbaren Unterlagen von den Anfängen des Bistums bis 1300 zusammengetragen. In diesen frühen Unterlagen sind Scholaren, also Lernende in Verden, die noch keinen Abschluss besaßen, nur in Urkunden aus den Jahren 1097, 1247, 1262 und 1297 erwähnt.

Ein Hinweis auf eine Schule könnte aber dem "Vermerk anlässlich der Weihe" des Bischofs Brun II. aus dem Jahre 1034 entnommen werden. Dabei handelt es sich jeweils um einen Hinweis auf arme Scholaren, die mit Spenden bedacht wurden. Eine Anzahl ist nicht erwähnt.

Die Reste des alten Kreuzganges stammen aus dem 15. Jahrhundert.

Die Reste des alten Kreuzganges stammen aus dem 15. Jahrhundert.

Ein "rector scolariun" - Rektor der Schule - wird hier nur 1234 und 1274 genannt. Jedoch erscheint seit 1158 sehr oft der "Scholastikus", der Domherr, dem auch die Schule unterstand und der wahrscheinlich auch bereits vor 1158 wirkte. Er besaß die Aufsicht über die Scholaren. Sein Gehilfe (vor Ort) war der Rektor. Das Amt des Scholastikus fiel sehr oft an den Archidiakon in Scheeßel. Über die nachfolgenden Jahrhunderte kann in diesem Rahmen nicht umfassend eingegangen werden.

Zusammenfassend ist festzuhalten, das gegen Ende des 10. Jahrhunderts, zur Zeit des Bischofs Erpo, unter Aufsicht und Einwirkung von Bischof und Domkapitel in Verden eine Schuleinrichtung bestand. Über Umfang, Lehrstoff und Schülerzahl sind keinerlei Unterlagen aus der Zeit vom unbekannten Anbeginn an bis zur Gründung des heutigen Domgymnasiums am 29. März 1578 bekannt.

Bleibt zu erwähnen, dass etwa seit der Gründung des Kollegialstiftes 1221 an St. Andreas auch dort eine Schule bestand. Im erwähnten Urkundenbuch ist 1237 an dieser Kirche der Scholaster Bertram erwähnt und 1295 der Schulrektor des St.-Andreas-Stiftes. Hier ist ebenso eine Urkundensammlung zu erwarten.

Jürgen Siemers